Mittwoch, 23. Juli 2008
Ich hab nix zu verbergen!
Hierzu eine nette kleine Geschichte aus dem Heise Forum...
Guten Tag, entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie störe. Ich sah gerade, dass Sie nicht allzu viel zu tun haben und hatte gehofft, Ihnen ein wenig von mir zu erzählen. Haben Sie etwas dagegen? Nein? Gut, dann möchte ich mich erst einmal vorstellen. Mein Name ist Eberhard, ich bin Angestellter in der städtischen Verwaltung in Ruhrstetten, einer kleinen Stadt in der Nähe von Bochum. Dort bin ich zuständig für die Genehmigung von Bauvorhaben in Kleingärten, eine verantwortungsvolle Tätigkeit.
Vor ein paar Wochen habe ich mich, wie jeden Morgen, auf den Weg zur
Arbeit gemacht. Als ich gerade in meinen Wagen steigen wollte hörte ich einen Knall und danach ein mitleiderregendes Geschrei. Direkt vor meiner Einfahrt ist die kleine Jessica, ein achtjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft mit dem Fahrrad gestürzt. Wissen Sie, als sie noch ein Baby war, sind ihre Eltern mit ihr hier her gezogen, nur eine Straße weiter. Eine nette Familie, ich habe sie oft auf dem Spielplatz beobachtet. Es hat mir immer Spaß gemacht, ihr und den anderen Kindern beim Spielen zuzuschauen. Mir waren Vaterfreuden leider nie vergönnt. Meine Frau Hiltrud ist vor zwölf Jahren leider viel zu früh von uns gegangen.Nun, wie dem auch sei, ich habe der kleinen Jessica natürlich
aufgeholfen und sie ein wenig getröstet. Als ich ihr Fahrrad aufgehoben habe, habe ich bemerkt, dass sich der Lenker verstellt hat. Aber ein Ruck genügte und er ware wieder in der Ursprungsposition. Alles war wieder gut, Jessica hat aufgehört zu weinen und konnte weiterfahren.Bei der Arbeit war an dem Tag nicht viel los, wie es in der
Urlaubszeit halt so üblich ist. Ich glaube, es kam nicht ein einziger Kunde. Sie müssen wissen, wir sind in der Verwaltung jetzt ganz modern. Das sind jetzt alles Kunden und nicht mehr Fälle, wie es früher der Fall war. Das schafft gleich eine ganz andere Arbeitsatmosphäre. Die ganzen Seminare, die wir dafür besucht haben, haben sich auf jeden Fall gelohnt. Jedenfalls habe ich die Zeit genutzt und meine Ordner neu beschriftet und noch herumliegende Akten einsortiert. Ordnung muß schließlich sein. Der Steuerzahler soll ja auch was von seinem Geld haben.Als ich dann abends wieder zu Hause war und die Tagesschau sah, war
ich sehr erschüttert darüber, dass hier bei uns in Ruhrstetten ein kleines Mädchen vergewaltigt und ermordet aufgefunden wurde. Solche Leute sollten sie gleich auf den Stuhl setzen. Gar nicht erst lange fackeln. Noch mehr hat es mich getroffen, als kurz danach die Polizei an meiner Tür klingelte und mir ein Foto der kleinen Jessica unter die Nase hielt und mich fragte, ob ich die Ermordete kennen würde und haben mich vorläufig wegen Mordverdachts festgenommen. Erst hinterher ist mir aufgefallen, dass auf der anderen Straßenseite jemand mit einer Kamera stand und mich fotografierte.Die Polizisten erzählten mir dann, dass man ihre Leiche im Fluss in
einem Plastiksack und ihr Fahrrad in der Nähe in der Böschung gefunden hat. Eine Untersuchung brachte dann auch meine Fingerabdrücke ans Tageslicht. Sie versuchten dann, mir ein Geständnis zu entlocken. Da ich nichts zu verbergen habe, habe ich mich natürlich kooperativ gezeigt, konnte ihnen jedoch vorerst nicht weiterhelfen. Deshalb mußte ich erst einmal in Polizeigewahrsam bleiben. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie furchtbar diese Nacht war. Man hat mich doch tatsächlich mit einem dieser Raubkopierer in eine Zelle gesperrt, von denen man so viel hört. Wenn Sie mich fragen, sind fünf Jahre für die noch viel zu wenig, bei dem Schaden, den die anrichten.Ich habe mich gefragt, woher die überhaupt wußten, dass das meine
Fingerabdrücke an dem Fahrrad waren. Das einzige Mal, als ich meine Fingerabdrücke abgegeben habe, war bei der Beantragung eines neuen Reisepasses. Das kam mir damals zwar komisch vor, weil man so etwas ja nur bei Verbrechern macht, aber was tut man nicht alles, um Terroristen zu fangen. Das kann aber die einzige plausible Erklärung sein, woher die meine Abdrücke hatten. Man hat uns damals zwar versichert, dass die Abdrücke auf keinen Fall zentral gespeichert werden würden, aber da ist in meinem Fall sicherlich ein kleiner Fehler passiert. Ein bedauerlicher Einzelfall wahrscheinlich.Nachdem mir wieder einfiel, wie meine Fingerabdrücke an das Fahrrad
gekommen sind, Sie wissen schon, ich habe der Kleinen ja aufgeholfen, wurde ich wieder auf freien Fuss gesetzt. Auf dem Weg nach Hause kam ich an einem Kiosk vorbei und habe dort ein Bild von mir gesehen. Mein Foto? Und das auch ausgerechnet noch in der BALD, diesem Schmutzblatt. Der Gipfel war jedoch die riesige Überschrift "GEFASST! DIE BESTIE VON RUHRSTETTEN!". Auf dem Weg nach Hause haben mich alle Leute sehr komisch angesehen. Bei der Arbeit war es genauso. Niemand wollte etwas mit mir zu tun haben.Irgendwie bin ich dann wieder an eine BALD-Ausgabe gekommen. Nun
prangten dort die Worte "DIE BESTIE - so lebt er". Dazu wieder mein Foto und ein Interview mit Frau Schröder-Dullinger aus der Gartenstraße. Sie hätte es ja schon immer gewußt, daß ich auf die schiefe Bahn kommen würde. Ich kann mich nur daran erinnern, dass sie mich und meine Freunde ab und zu beschimpft hat, weil wir während der Mittagsruhe dann und wann mal zwischen den Häusern Fußball gespielt haben. Aber das ist fast vierzig Jahre her. Meine Güte, muß diese Wichtigtuerin alt sein.Am nächsten Tag hat sich die Lage wieder etwas beruhigt. Die Polizei hatte aufgrund einer Zeugenaussage den wahren Mörder gefaßt. Einige meiner Kollegen haben sich dann für Verhalten mir gegenüber entschuldigt. Aber viele sehen mich auch heute, Wochen danach noch komisch an.
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